Geschichten aus den AG-Projekten: Philippinen – Kinderhandel stoppen

von wtebbe

© Plan International

Viele Aktionsgruppen unterstützen das AG-Projekt „Philippinen – Kinderhandel stoppen“. Da ist es schön zu lesen, was das Engagement vor Ort bewirkt. Diese Erfolgsgeschichten geben einen Eindruck von der Hilfe zur Selbsthilfe mit Plan International in den Philippinen: 

 

Meine Geburtsurkunde ist nicht nur ein Stück Papier

08.02.2019 – von Lara Betz

Die vierjährige Rowena konnte nun verspätet eine Geburtsurkunde erhalten. Diese kann sie unter anderem vor Missbrauch und Ausbeutung schützen (siehe Foto oben).

Manche Menschen denken, dass eine Geburtsurkunde nur ein Stück Papier ist – überflüssig und austauschbar. Das trifft allerdings nicht auf die schätzungsweise 7,5 Millionen Philippinerinnen und Philippiner zu, die laut dem philippinischen Statistikamt nicht registriert sind. Plan International arbeitet mit Standesbeamten zusammen, um die verspätete Registrierung von Kindern zu erleichtern und die Aufmerksamkeit der Gemeinden darauf zu lenken, wie wichtig Geburtsurkunden für den Schutz der Kinder sind.

„Ich wurde nie registriert. Daher kenne ich die Nachteile die man hat, wenn man keine Geburtsurkunde besitzt. Ich wollte nicht, dass meine eigenen Kinder dieselben Probleme haben“, erzählt Rubelita, Mutter von sechs Kindern.

Die 34-Jährige wohnt in einem der Slums am Rande der Stadt Tacloban, dem Zentrum des Bezirks Eastern Visayas auf den Philippinen. Da sie selbst keine Geburtsurkunde besitzt, ist sie in der Stadt nicht gemeldet. Ihre Familie lebt von dem niedrigen Einkommen ihres Mannes Novecinto, der als Bauarbeiter an einem guten Tag rund 300 Philippinische Pesos, ungefähr 5 Euro, verdient.

Dank ihrer Plan-Paten, konnten vier der Kinder kurz nach ihrer Geburt registriert werden. Die beiden jüngsten Kinder konnten zum Zeitpunkt ihrer Geburt allerdings keine Urkunde erhalten. Rubelita plante, sie später registrieren zu lassen.

Hohe Kosten bei verzögerter Registrierung

Eine verzögerte Geburtenregistrierung ist ein Prozess, den eine Person durchlaufen muss, sobald seine Geburt nicht sofort von den lokalen Standesbeamten eingetragen wurde. Diese verspätete Registrierung kostet mindestens 1.000 Philippinische Pesos, etwa 17 Euro pro Kind. Ein hoher Betrag für Rubelita, den sie einfach nicht aufbringen konnte – noch nicht einmal für etwas so wertvolles, wie eine Geburtsurkunde.

Rubelita und ihre beiden jüngsten Kinder, die vierjährige Rowena und der zweijährige Vicente, gehören zu den schätzungsweise 25 Prozent der Bevölkerung von Eastern Visayas, die nicht bei ihrer Geburt registriert worden sind. Dadurch werden ihnen einige der wichtigsten Bürgerrechte und demokratischen Rechte entzogen.

„Ohne eine Geburtsurkunde gibt es keinen Beweis, der zeigt, wer du bist und wer deine Eltern sind. Du kannst auch keinen Personalausweis bekommen, wenn du nicht registriert bist. Und wenn man krank ist, benötigt man einen Personalausweis, weil man sonst nicht zu einem Arzt oder in ein Krankenhaus gehen kann“, erklärt Rubelita.

© Plan International

Rubelita hat keine Geburtsurkunde. Da sie weiß, welche Nachteile sie dadurch hat, ließ sie ihre Kinder registrieren. 

Geburtenregistrierung, eines der Grundrechte von Kindern, ist die Basis für ihren Schutz und ihr Wohlbefinden. Denn eine Geburtsurkunde schützt nicht nur vor Gewalt und Missbrauch, sondern ist auch Voraussetzung dafür, Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen, wie Bildung und dem Gesundheitswesen zu bekommen. Mit einem Identitätsnachweis können sie später heiraten, ein Bank-Konto eröffnen und vor allem wählen und gewählt werden. Ohne eine Geburtsurkunde werden Kinder leicht Opfer von Menschenhandel, weil sie meist nicht zur Schule gehen und nicht in einem öffentlichen Verzeichnis auftauchen. 

Im Wesentlichen sind Personen ohne Geburtsurkunde in den Augen des Gesetzes unsichtbar.

Registrierung zum Schutz der Kinder

Als Teil von Plan Internationals Projekt zur Bekämpfung des Menschenhandels, arbeiten wir mit lokalen Standesbeamten zusammen, um Geburtsurkunden für nicht registrierte Kinder, wie Rowena und Vicente, zu erhalten. Nachdem Rubelita gemeinsam mit Plan alle notwendigen Dokumentationsanforderungen erfüllt hatten, erhielten die Kinder kürzlich eine Geburtsurkunde. Zehn weitere Kinder aus dem Projekt werden ihre Urkunden bald erhalten.

Plan erleichtert allerdings nicht nur den Prozess der Registrierung von Kindern, sondern führt auch Schulungen zur Aufklärung in Gemeinden durch. Den Familien wird so gezeigt, wie wichtig es ist, ihre Kinder zu registrieren, um sie vor Benachteiligung, Missbrauch und Ausbeutung zu schützen.

„Ich bin so glücklich, dass alle meine Kinder nun dank dieses wertvollen Stücks Papier bessere Chancen im Leben haben werden, als ich sie ohne Geburtsurkunde hatte, in die Schule gehen und sicher aufzuwachsen können“, sagt Rubelita.

 

 

Kinderhandel: „Ich kämpfe, um andere zu schützen.“

10.01.2019 – von Pia Sophie Arndt

© Plan International / Karen Alcober

Rund 100.000 philippinische Kinder werden jährlich in die Kinderprostitution gezwungen. Mit der Kampagne #NotForSale will Plan International die Ausbeutung von Kindern auf den Philippinen bekämpfen. 

Die 24-jährige Philippinerin Carmela wurde von ihrer Mutter misshandelt und verkauft. Heute setzt sie ein starkes Zeichen gegen Kinderhandel: Als Sozialarbeiterin und Aktivistin engagiert sie sich gemeinsam mit Plan International gegen Missbrauch und Ausbeutung von Frauen und Kindern.

Carmela berichtet von dem schicksalhaften Tag vor zehn Jahren, als sie und ihre Schwestern von den örtlichen Behörden gerettet wurden, nachdem ihre Mutter versuchte, ihre Töchter an einen pädophilen Ring in Manila zu verkaufen: „Draußen dämmerte es. Meine Schwestern und ich fuhren mit dem Bus zum Flughafen, unsere Mutter saß ein paar Plätze hinter uns. Während der Fahrt habe ich so stark dafür gebetet, dass wir unseren Flug nach Manila verpassen würden. Dann hielt der Bus plötzlich an. Polizeibeamte stiegen ein und suchten jemanden. Ein Polizist blieb vor mir stehen und fragte: „Bist du Carmela? Wo ist deine Mutter?“

Eine gewaltvolle Kindheit

Carmela und ihre beiden jüngeren Schwestern hatten keine leichte Kindheit. Ihre Mutter zog sie alleine auf, sodass es niemanden in ihrer direkten Umgebung gab, der sie vor ihrem gewalttätigen Verhalten hätte schützen können. „So lange ich mich erinnern kann, wurde ich körperlich und psychisch missbraucht. Vor anderen spielte sie immer die liebevolle Mutter“, sagt Carmela. Sie wurde gewürgt, geschlagen, über den Boden gezerrt und die Treppe hinuntergestoßen. „Mich zu verletzen wurde schließlich zu ihrem Hobby.“

Die eigenen Kinder verkauft

Ablenkung fand Carmela beim Lernen. So wurde sie bereits in der Grundschule zur Klassenbesten. Während ihrer High School Zeit, wurde Carmela immer misstrauischer gegenüber ihrer Mutter, die plötzlich viel Geld zu haben schien für jemanden, der keinen festen Job hatte. Ihre Mutter behauptete jedoch, dass Carmelas Vater Geld für ihre Ausbildung schicken würde. Ihr Misstrauen wuchs, als ihre Nachbarn – meistens Mütter – häufiger zu Besuch kamen und mit ihrer Mutter geheime Unterhaltungen führten. „Die Mädchen aus meiner Nachbarschaft, davon einige meiner Freundinnen, bekamen auf einmal Jobangebote in Manila.“ Ihre Mutter wurde daraufhin von jemandem aus ihrem Dorf beschuldigt, Kinder gezwungen zu haben, als Prostituierte in der Stadt zu arbeiten. Das bestritt Carmelas Mutter jedoch vehement und Carmela glaubte ihr. Wochen später erzählte ihre Mutter Carmela, dass ihr Vater sie zusammen mit ihren Schwestern in Manila treffen wollte. Ein paar Tage vor ihrem planmäßigen Flug dorthin las ihre jüngere Schwester unabsichtlich den E-Mail-Austausch zwischen ihrer Mutter und einem ausländischen Mann und erfuhr: Carmela und ihre Schwestern sollten nicht ihren Vater in der Stadt treffen, sondern einen ausländischen Pädophilen. „Dieses Mal verkauft sie uns. Unsere Mutter verkauft ihre eigenen Kinder.“ Verängstigt wendete sich Carmela an ihre Schule, die sofort Plan International kontaktierte, die zu dieser Zeit ein Projekt zur Bekämpfung von Menschenhandel in der Region durchführten. Gemeinsam mit den örtlichen Behörden organisierte Plan die Rettung von Carmela und ihren Schwestern.Am 13. Dezember 2008, an dem Tag an dem sie nach Manila fliegen sollten, wurden Carmela und ihre Schwestern von der örtlichen Polizei gerettet.

Carmelas Leben danach

Nach der Verurteilung ihrer Mutter wegen Kinderhandel, wurde das Leben von Carmela und ihren Schwestern jedoch nicht einfacher. Da sie sich nicht selbst versorgen konnten und der Kontakt zu ihrem Vater nur vorgetäuscht war, kümmerte sich das Jugendamt um sie. Dabei wurde Carmela von ihren Geschwistern getrennt und brach daraufhin die Schule ab. Sie entschied sich dennoch ihren Abschluss auf anderem Wege nachzuholen. „Ich habe die Abschlussprüfung im ersten Anlauf bestanden und habe mich sofort an der Uni eingeschrieben.“ Carmela studierte soziale Arbeit und beendete ihr Studium erfolgreich im Alter von 19 Jahren. Es dauerte zwei weitere Jahre, bis sie schließlich das Sorgerecht für ihre jüngeren Schwestern erhielt. Carmela arbeitet jetzt als Sekretärin des Inter-Agency Council Against Trafficking, einem regionalen Regierungsbeirat, der dafür sorgt, dass Gesetze zur Bekämpfung von Menschenhandel im Land eingeführt und befolgt werden. Carmela hilft heute Frauen und Kindern dabei, für ihre Rechte einzutreten und sich gegen Missbrauch und Ausbeutung zu schützen. Sie unterstützt außerdem die Kampagne #NotForSale von Plan International, die gegen die kommerzielle Ausbeutung von Kindern kämpft. „Ich bin dem Kinderhandel glücklicherweise entkommen und jetzt will ich anderen helfen, die immer noch in dieser Hölle leben und denken, dass es keinen Ausweg gibt“, sagt sie entschlossen.

© Plan International / Karen Alcober

Carmela macht sich in ihrer Heimat stark für Kinder, die von Missbrauch und Ausbeutung bedroht sind. „Ich wurde gerettet und möchte das gleiche nun für andere tun“, sagt die 24-jährige. 

 

 

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